Zum Karriereende von Daniela Ryf: Das GOAT-Phänomen

Es ist offiziell: 2024 wird das letzte Jahr als Profi-Triathletin für Daniela Ryf werden. Damit verlässt die nächste „GOAT“ den Triathlon, den Sport, das Race-Business. Standesgemäß mit einem Paukenschlag in Form eines vollgepackten Race-Kalenders! Zeit für einen Blick auf das Phänomen der Ausnahmeathletin Daniela Ryf … (Bild: Simon Fischer/Challenge Roth)

Fakt ist: Daniela Ryf hat mir persönlich einen der krassesten Gänsehaut-Momente meines Lebens beschert. Als Triathlon-Fan, aber auch als Journalistin, überhaupt als Mensch live dabei zu sein, wenn ein Weltrekord aufgestellt wird, ist … unvergesslich, einmalig, besonders. Aber dann auch noch dabei zu sein, wenn glatt ein neues Kapitel im Frauensport aufgeschlagen wird, setzte diesem Moment am 25. Juni 2023 im beschaulichen Roth die Krone auf. Wer Zahlen dazu braucht: Mit einer Zeit von 8:08:21 pulverisierte Daniela Ryf an diesem Tag beim Challenge Roth 2023 den mehr als zwölf Jahre bestehenden Weltrekord der Frauen auf der Langdistanz über rund 226 Kilometer um rund 10 Minuten. Ich sag ja: Gänsehaut.

Klar also, dass ich persönlich – und vermutlich die Triathlon-Szene generell – mit Daniela Ryf mehr verbinde als ihre zweifelsohne beeindruckende Karriere. Ryf ist ein Synonym für einen Menschenschlag, den es schon per Definitionem nicht so häufig geben kann: Sie steht für „Greatest of All Time“, kurz: GOAT. Dass nach Jan Frodeno und Sebi Kienle nun auch im Frauensport eine der seltenen Exemplare dieser Triathlon-Spezies die Bühne verlässt, ist umso bitterer. Wer wohl die nächste ihrer Art wird? Kann es überhaupt noch mal jemand zu neuer „Greatness“ bringen? Und was ist das eigentlich genau, was Menschen wie Ryf von anderen unterscheidet?

2024: Wird das letzte Jahr das beste Jahr?

Okay, okay: Bevor wir schon nach dem nächsten Level purer Großartigkeit Ausschau halten, gehört es sich, einmal zurück auf das noch laufende zu blicken. Nämlich das der Schweizerin. Denn auch, wenn sie am 1. März 2024 offiziell ausgesprochen hat, dass sie abtritt (was sie bereits Ende 2023 unter anderem auf Hawaii hin und wieder hatte fallen lassen), so tut sie das keinesfalls auf die einfache Weise. Der Plan steht: Die PTO T100 Triathlon World Tour mit fünf Rennen und dem Grand Final (voraussichtlich letztes Rennen von Ryf), dazu der Start beim Ironman Südafrika und die angestrebte Quali für die Ironman WM in Nizza. Möglicherweise werden wir Daniela Ryf in ihrem letzten Jahr also so häufig racen sehen wie nie zuvor. Noch Fragen?

Nun könnte man meinen, dass es allein das sei, was an Ryf fasziniert. Tatsächlich aber ist es auch der Fakt, dass sie nicht nur ganz konkrete sportliche Spuren hinterlässt, sondern noch weitaus mehr von ihr bleibt. Nämlich der Eindruck, mit ihr eine personifizierte Ausnahme, eben das GOAT-Phänomen, erlebt zu haben. Was für diese These spricht? Einiges.

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Daniela Ryf – die Ausnahme im Sport

Widmen wir uns zunächst der sportlichen Phänomenalität. Mit Daniela Ryf verlässt eine fünffache Ironman Langdistanz-Weltmeisterin (2015, 2016, 2017, 2018, 2022), fünffache 70.3-Weltmeisterin (2014, 2015, 2017, 2018, 2022), eine U23-Weltmeisterin (2008), Mixed-Team-Weltmeisterin (2009) und zweifache Olympia-Starterin die Bühne. Verrückt, wenn man bedenkt, dass am Anfang ihrer überragenden Karriere mal maximale Bescheidenheit stand: „Bei meinem ersten Sieg war ich von meiner eigenen Leistung überrascht – und das war der Beginn meiner Karriere.“

Aber es verlässt eben auch die Athletin die Triathlon-Wettkampf-Bühne, der es erstmals gelang, innerhalb eines Jahres sowohl auf der halben als auch auf der vollen Distanz den WM-Titel zu holen. Und das gleich zweimal. Dazu noch der Fakt, dass „Angry Bird“ Ryf in den vier Jahren 2015 bis 2018 unbestritten das Maß aller Dinge auf Hawaii war und sich den fünften WM-Titel sicherte, als viele sie eigentlich schon abgeschrieben hatten – und fertig ist die Berechtigung, um das sportliche GOAT-Thema mit einem simplen Wort abzuschließen: Chapeau.

Daniela Ryf bei der Challenge Roth
Der perfekte Moment? Daniela Ryf bei der Challenge Roth 2023. (Foto: Simon Fischer/Challenge Roth)

Daniela Ryf – die Ausnahme-Denke

Aber sportliche Erfolge sind nicht alles. Schon gar nicht, wenn es darum geht, Ausnahmen zu enttarnen – die eine unter vielen Standards eben. Dann geht es um mehr. Um Mindset zum Beispiel. Und um das, was sie von anderen unterscheidet. Sportliche Erfolge können sich wiederholen. Bei Mindset sieht das anders aus. Und wer Ryf zuhört, der kann zwischen den Zeilen mehr als deutlich herauslesen: Sie tickt tatsächlich anders.

Etwa wenn es darum geht, den Anspruch an sich selbst zu formulieren: „Wenn du glaubst, nur in der absoluten Perfektion gewinnen zu können, dann hast du ein mentales Problem“, erklärt sie in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger im Juni 2021. Eine ungewöhnliche Sicht der Dinge im perfektionsgetriebenen Spitzensport. In einem PTO-Kurz-Portrait verdeutlicht sie, was sie damit genau meint, durch die Schilderung einer Wettkampfszene aus ihren ersten Rennjahren auf der Langdistanz: „Mirinda hat mich auf den letzten Kilometern überholt – das war hart für mich, denn ich wollte unbedingt gewinnen. Aber: Wenn du so sehr gewinnen willst, ist das nicht die richtige Renngestaltung.“

Kurzum: Gewinnen allein reicht zur besagten „GOATness“ eben nicht. Vielmehr ist es der Glaube daran, dass irgendwie und irgendwo eben doch noch Raum zur Optimierung ist. Dass mehr geht, eben weil es Perfektion nicht gibt. Ryfs Taktik: „Ich vergleiche manchmal meine Zeiten mit denen der Männer – nur, um zu sehen, ob es hier noch Raum zur Verbesserung gibt und was grundsätzlich möglich ist“, erzählt sie im Interview und sie fügt hinzu, insbesondere in Jan Frodeno ein Zielbild gefunden zu haben. Das Gap zwischen seinen und ihren Zeiten motiviere sie, sagt die 36-Jährige. Eine unkonventionelle Perspektive fernab des üblichen Kastendenkens im Sport. „Ich habe das Gefühl, wir Frauen können uns immer noch verbessern, schneller werden.“ Dass gut ein Jahr nach dieser Aussage ausgerechnet sie dieses Schneller-Werden auf die vorläufige Spitze des Sports trieb, wirkt mit Blick auf diese Grundhaltung fast wie Ironie des Schicksals. Aber genau das wurde bekanntlich Sportgeschichte.

Vielleicht liegt darin auch der Grund für Daniela Ryf, genau jetzt – mit all den WM-Titeln, vor allem aber mit diesem Rekord auf der Haben-Seite – das Kapitel zu schließen und die Perfektion künftig in anderen Lebensbereichen anzustreben. Im Sport ist die Lücke geschlossen, der Status der Perfektion vielleicht sogar erreicht. Dass das bis dato auch immer Antrieb war, zeigt Ryfs Antwort auf die Frage danach, wann sie gewusst habe, das Zeug zu haben, zur Besten im Sport zu werden. Sie antwortet pointiert: „Als ich die Beste war.“

Und so war es vermutlich eben dieser Renntag im Juni 2023, der Ryf Erfüllung, der Sportwelt mit 8:08:21 ein neues Maß an Perfektion und mir (sowie vielen anderen) unvergessliche Gänsehaut bescherte …

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